Film Review: ‚Das schweigende Klassenzimmer‘

‚Das schweigende Klassenzimmer‘ – Eric (Jonas Dassler), Theo (Leonard Scheicher), Lena (Lena Klenke), Paul (Isaiah Michalski) und Kurt (Tom Gramenz) mit ihren Mitschülern. (Studiocanal)

Regie: Lars Kraume
Cast: Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler und Isaiah Michalski, Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Michael Gwisdek, Florian Lukas, Carina Wiese, Daniel Krauss, Max Hopp, Judith Engel, Götz Schubert
Deutschland 2018
111 Minuten


 

Zwei Minuten deutsche Geschichte

Bei all den vielen Verfilmungen deutscher Geschichte meint man bereits alles gesehen zu haben.
Das Dritte Reich, das DDR-Regime, unzählige Geschichten aus den dunkelsten Jahren dieses Landes.

Erstaunlich, dass es aber immer noch Ereignisse gibt, die kaum jemanden bekannt sind.
Zum Beispiel der 29. Oktober 1956. Deutschland ist längst mitten im Kampf der Systeme, Kapitalismus gegen Sozialismus.
Die junge BRD, gegen die junge DDR. Noch kann man von Ost nach West reisen. Eine Flucht ist noch möglich.
Auch wenn Republikflucht bereits strafbar ist.

Alles begann am 23. Oktober 1956, als friedliche Proteste in Ungarn gegen die sowjetische Besatzungsmacht und für
ein unabhängiges Ungarn in einer brutalen Niederschlagung begann. Bei weiteren Protesten in den Folgetagen starben über 2500 Ungarn.
Es folgten Schauprozesse und Hinrichtungen. Für den Westen war das der Freiheitskampf der Ungarn, für die Sowjetunion eine
Konterrevolution die es niederzuschlagen galt. Mit allen Mitteln. Wie schon im Juni 1953 in der DDR.

Von diesen Vorfällen erfuhren die Schüler der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow/Brandenburg durch den Westsender RIAS, da in der
DDR kaum darüber berichtet wurde. Und wenn, dann mit verdrehten Wahrheiten.

Als die Klasse von den Protesten und vielen Toten in Ungarn erfuhr, und von dem vermeintlichen Tod des Fußballidols Ferenc Puskás, einem ungarischen Nationalspieler,
was sich aber als spätere Fehlmitteilung herausstellte, entschieden sich die 19 Schüler zu einer folgeschweren Entscheidung.

Im Geschichtsunterricht der Abiturklasse, am 29. Oktober 1956, legte die gesamte Klasse eine spontane Schweigeminute ein.
Zwei Minuten Schweigen. Ein schweigendes Klassenzimmer, was den ahnungslosen unterrichtenden Lehrer irritierte. Die Klasse schwieg – und so wurde dieser Vorfall zunächst an den
Schulleiter weitergereicht. Dieser tat die Aktion als dummen Schülerstreich ab. Doch SED-Parteimitglieder innerhalb des Lehrerkollektivs sahen es als ihre Pflicht an, diesen Vorfall
an höhere Institutionen zu melden. Wie dem DDR-Volksbildungsminister Fritz Lange, im Film eindrucksvoll verkörpert von Burghart Klaußner.
Dieser drohte der Klasse mit einem Schulverweis, falls sie nicht den oder die Rädelsführer dieser „Konterrevolution“ preisgaben. Dieser hätte zur Folge gehabt, dass keiner der Schüler
an irgendeiner Schule in der DDR jemals ihr Abitur hätten ablegen können.
Spätestens jetzt wurde den Schülern der Ernst der Lage klar, den man sich so nie hätte vorstellen können.
Doch trotz Drohungen und Einschüchterungsversuchen, hielt die Klasse zusammen und behauptete stets, dass die gesamte Klasse sich
für diese Schweigeminuten entschied, als Mehrheitsentscheid quasi. Und etwa nicht als politischer Protest, sondern als Trauerschweigeminute für den vermeintlich gefallenen
Sportler Ferenc Puskás. Durch diese Umstände wächst die Klasse entgegen allen Versuchen noch mehr zusammen.

Eine mutige Entscheidung, eine Schweigeminute mit ungeahnten Folgen, die für die jungen Menschen alles verändern wird. Denn ihre Zukunft in der DDR ist mehr als in Gefahr.

Regisseur Lars Kraume hat nach der Vorlage des ehemaligen Schülers und Zeitzeugen Dietrich Garstka, ein zeitgeschichtliches Zeugnis geschaffen, welches erstaunlich zeitlos
und relevant ist.
Geschichtsnah erzählt Kraume fast nüchtern die Geschehnisse der Abiturklasse von 1956.
Detailliert, von den Motiven und späteren Auswirkungen dieser folgenschweren Schweigeminute der deutschen Geschichte.
Naiv, wie die jungen Schüler damals waren, wie menschenverachtend und erbarmungslos das DDR-Regime. Ein Volksbildungsminister, cholerisch wie er war,
jeden Feind des Kommunismus in, Zitat; „Fresse schlagen würde, sodass er sich dreimal um sich selbst dreht“.

Kurt (Tom Gramenz) und seine Klassenkameraden halten eine Schweigeminute ab

Der Zuschauer empfindet schnell Empathie für diese Schulklasse, die alles andere als eine Revolution anzetteln wollte. Aber das Regime machte diese 19 Schüler zu
Staatsfeinden und verlor am Ende diesen jungen Nachwuchs, den man eigentlich so dringend gebraucht hätte.

Die Stadt Eisenhüttenstadt bot sich als willkommene Kulisse des Films. Da dort der sozialistische Planbau nach wie vor vorhanden ist.
Oder das Stahlwerk, in dem Theos (Leonard Scheicher) Vater (Ronald Zehrfeld) arbeitet, war sicher ein Glücksfall für die Filmemacher um Lars Kraume.

Kraume hat Erfahrung mit historischen Stoffen, siehe ‚Der Staat gegen Fritz Bauer‘, bei dem er ebenfalls mit Burghart Klaußner und Ronald Zehrfeld zusammenarbeitete.
Und seine Prämisse, historische Filme müssen eine Aussage treffen, eine Meinung, die jeder haben sollte, wiedergeben, trifft auch in ‚Das schweigende Klassenzimmer‘ zu.

Der Regisseur, der auch das Drehbuch verfasste, versucht Meinungen, Motive und Absichten von allen Seiten und politischen Lagern wiederzugeben, sodass der Zuschauer
keine eindimensionale Geschichte vorgesetzt bekommt, sondern das Handeln aller Protagonisten nachvollziehen und verstehen kann.
Um das umzusetzen, versammelt sich ein großartiger Cast um Kraume.
Von Burghart Klaußner, der überzeugend den cholerischen Volksbildungsminister gibt. Ronald Zehrfeld souverän als ehemaliger Aufständiger von 1953 und nun
angepasster Stahlarbeiter.
Jördis Triebel, die bereits fünfte Zusammenarbeit mit Kraume, als „Befragungsspezialistin“ Frau Kessler. Michael Gwisdek, der schon in der DDR Erfolge feierte, als „der alte Edgar“, dessen Figur
es damals nicht gab, aber der den Schülern und erklärend dem Zuschauer aufzeigt, welche Grenzen sie überschritten haben und welche Konsequenz ihr handeln haben könnte. Oder
Florian Lukas, der als Rektor Schwarz die Schweigeminute als Streich abtun will, aber am Ende selbst dafür die Verantwortung zu tragen hat.

Erik (Jonas Dassler) berichtet Theo (Leonard Scheicher), Kurt (Tom Gramenz) und Paul (Isaiah Michalski) vom Ungarnaufstand

Besondere Anerkennung verdient der „Jung-Cast“ um Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler und Isaiah Michalski.
Sie bilden eindrucksvoll diese verschiedenen Charaktere wieder, vom Anführer, der stillen moralischen Instanz, dem Mädchen, welches beiden Jungs den Kopf verdreht, dem überzeugten Sozialisten
dem immer mehr Zweifel überkommen und der manchmal naive Musterschüler.

Der Autor und einer der Schüler der damaligen Klasse Dietrich Garstka, findet sich nach eigener Aussagen in sowohl Theo (Leonard Scheicher) als auch Kurt (Tom Gramenz) wieder.
Auch in Bezug auf die Motivation dieses Protestes.
Sie alle spielen ihre Rollen mit überzeugender Leichtigkeit. Ihnen gelingt sich auch mithilfe der tollen Kostüme, Sets und Ausstattung, in die Zeit Mitte der 1950er Jahre hineinzuversetzen.
Dabei tragen die Schauspieler den Film und können glaubwürdig die Absichten, Ängste und auch jugendliche Naivität dem Zuschauer nahe bringen. Zwischen Lebensfreude und Zukunftsängsten.
Die familiären Hintergründe der Familien wurden im Übrigen größtenteils von Lars Kraume ohne historischen Bezug ergänzt, bezüglich der Dramaturgie des Films, die sich der Film erlaubt, ohne
die tatsächlichen Ereignisse zu verfälschen.

Lars Kraume schafft mit ‚Das schweigende Klassenzimmer‘ ein historisches Werk mit Tiefe, Emotionalität und großer Kraft und entwickelt eine zunehmend bedrückende Atmosphäre,
die sich unter anderem in der Tonart, dem Szenenbild und der Kamera widerspiegelt.
Dies tut er, ohne mit dem Finger auf eine Seite zu zeigen, ohne (Vor-)Verurteilung.
Aber mit einer klaren Aussage: Niemand kann einfach wegsehen. Niemand kann behaupten er sei nicht politisch, denn es gibt Situationen, da sollte und muss jeder eine Meinung haben,
auch politisch. Und letztlich dafür einstehen. Ein starkes Statement, aktueller denn je.
Ein Satz bleibt besonders hängen; den fast beiläufig Rektor Schwarz (Florian Lukas) wiedergibt: „Was hat es den Ungarn‘ gebracht? Nüscht hat es denen gebracht.“

Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triebel), Rektor Schwarz (Florian Lukas) und FDJ-Sekretär Ringel (Daniel Krauss) stellen der Klasse ein Ultimatum

Was als harmlose spontane Aktion einer Schulkasse begann, entwickelte sich am 29. Oktober 1956 zu einer der verhängnisvollsten Schweigeminute der Geschichte.
Der Druck auf die Schüler wurde immer größer. Die Republikflucht schien für viele der einzige Ausweg. Das hieße, ihre Familien zurückzulassen.
Die letzten Minuten von ‚Das schweigende Klassenzimmer‘ sind dann auch eine der emotionalsten des Films. Mit 17 und 18 Jahren müssen sie eine Entscheidung treffen, die ihr Leben
und das ihrer Familien für immer verändern wird.

 

Empfehlenswert ist das sehenswerte und informative Bonusmaterial auf DVD/Blu-ray (inklusive Booklet) wie die ZDF Frontal21-Dokumentation „Das schweigende Klassenzimmer“ über die historische Abiturklasse und die politischen Hintergründe von 2006;
das Making Of; Featurettes wie: „Willkommen im Jahr 1956“, „Meinung haben erlaubt“, „Boogie Woogie“, „Angezogen und Stillgestanden“ und „Die wahre Geschichte“, die Hintergründe des
Films und deren Geschichte näher bringen.

 


Drehbuch: Lars Kraume
Produzenten: Miriam Düssel, Akzente Film & Fernsehproduktion
Kamera: Jens Harant
Schnitt: Barbara Gies

Ab 20. September 2018 auf DVD/Blu-ray

Interviews mit Cast von ‚Das schweigende Klassenzimmer‘ –>

 

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