Interview mit Andrea Sawatzki und Christian Berkel

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Andrea Sawatzki und Christian Berkel / Photocredit Ron Junghans

Sie sind nicht nur hinter, sondern in der ARD-Komödie ‘Scheidung für Anfänger’ auch vor der Kamera ein Ehepaar – Andrea Sawatzki und Christian Berkel.
Im Gegensatz zum Film geht es im wahren Leben beim Schauspieler-Ehepaar Sawatzki/Berkel aber weitaus harmonischer zu.
Und sie sind wahre Multitalente. Denn neben TV- Serien- und Kinostars sind Andrea Sawatzki und Christian Berkel auch erfolgreiche Buchautoren.

JayCarpet traf beide zu einem ausführlichen Interview:

Nach längerer Zeit steht ihr für ‘Scheidung für Anfänger’ wieder gemeinsam vor der Kamera. Ihr spielt darin ein Ehepaar, das Ihr auch im wirklichen Leben seid.
Wie ist es in dieser Konstellation gemeinsam vor der Kamera zu stehen?

Andrea Sawatzki:
Ich finde das toll. Es ist lustig Christian in einer Komödie und in einer völlig anderen Rolle zu erleben. Das ist sehr spannend.

Während der Dreharbeiten versuchen wir uns aber als Kollegen zu sehen.

Christian Berkel:
Da wir länger nicht gemeinsam vor der Kamera standen, wussten wir nicht genau wie das wird. Da ist man sicherlich etwas nervös. Das gilt auch für den Regisseur oder die Produktion, die uns zunächst natürlich als Paar sehen und nicht genau wissen, wie wir dem Team gegenüber auftreten. Das ist für alle keine alltägliche Situation.
Und es ist eben die Kunst bei aller Vertrautheit, sich während der Arbeit fremd zu begegnen.

Andrea Sawatzki:
Man möchte zudem dem Regisseur die Möglichkeit geben unsere Figuren so zu inszenieren, wie er die Rollen sieht. Deshalb wäre eine Vorarbeit zwischen Christian und mir eher nachteilig.

Im Film spielt Ihr ein Ehepaar, das sich seit 24 Jahren kennt und zunehmend auseinander lebt. Eure Beziehung ist inzwischen im 21. Jahr. In dieser Zeit erlebt man sicher auch Höhen und Tiefen. Ist in dieser Zeit irgendwann der Punkt gekommen wo ihr Euch gegebenenfalls auch neu entdecken musstet, oder wolltet?

Christian Berkel:
Wenn es überhaupt ein Geheimnis für eine gute Beziehung gibt, dann, dass man sich stets für den anderen interessieren sollte. Wenn dies nicht mehr der Fall ist, wird es gefährlich. Man muss stets dem anderen gegenüber aufmerksam bleiben. Eine Vertiefung einer Beziehung bedeutet auch, sich stets neu in die Beziehung einzubringen.

Andrea Sawatzki:
Es ist wichtig, dass man nicht stehen bleibt. Eine Beziehung funktioniert nur, wenn sie sich weiterentwickelt.

Christian Berkel:
Viele Paare trennen sich, weil einer der Partner etwas an seinem Leben ändern möchte. Er langweilt sich zum Beispiel in der Beziehung, weil er sich vom anderen nicht so wahrgenommen fühlt, wie er gerne wäre, und eigentlich auch gar nicht ist.
Dann neigt man dazu, sich eine neue Beziehung oder Bekanntschaft zu suchen. Was zunächst funktionieren mag und spannend ist, weil der neue Partner einen (noch) anders wahrnimmt. Aber mit der Zeit stellt man schnell fest; ich habe mich selbst in die neue vermeintlich spannendere Beziehung mitgenommen. Der neue Partner sieht einen unter Umständen also genau wieder so “langweilig” wie der Partner davor, dem man “entflohen” ist.
So geht alles wieder von vorne los und man entwickelt sich nicht weiter. Letztlich ist jeder selbst für sein Leben verantwortlich.
Und man kann nicht von dem dem Partner verlangen, dass er alles neu zum Blühen bringt. Das liegt schon an einem selbst.

Ihr beide seit nicht nur erfolgreiche Schauspieler, sondern auch Autoren. Bespricht man seine Arbeiten und Projekte gemeinsam zu Hause, holt sich gegebenenfalls Rat vom anderen, oder trennt Ihr auch hier strikt Privates von Arbeit?

Christian Berkel:
Wir haben die Bücher des anderen immer erst im sehr fortgeschritten Stadion gelesen, oder sogar erst wenn sie fertig waren.

Andrea Sawatzki:
Wenn ich mal nicht mehr weiter wusste mit meinen Figuren, hast Du, als wir gemeinsam bei einem Spaziergang mit den Hunden unterwegs waren, manchmal wegweisende Tipps gegeben.

Ihr beide seid TV- und Kinoschauspieler. Du Christian bist derzeit mit der Serie ‘Beat’ auf Amazon Prime auf einer großen Streamingplattform präsent.
Wir erleben derzeit einen Wandel in Bezug auf das klassische Sehverhalten der Zuschauer. Die Besucherzahlen in den deutschen Kinos gehen, die sich nur in kleinen Zeiträumen stabil verhalten, tendenziell zurück.
Wie beobachtet Ihr diese Situation?

Christian Berkel:
Viele Filme bekommen nicht die Aufmerksamkeit die sie verdienen. Das ist ein großes Problem. Über Mundpropaganda funktioniert das Kino kaum noch. Und die Presse kann nicht jeden Film gleichermaßen besprechen.
Früher hat man einen Film, wenn die Kinobetreiber daran geglaubt haben, über Wochen im Kino gehalten. Auch wenn die Zuschauerzahlen zunächst nicht optimal waren. Oft hat sich das aber gelohnt und irgendwann kamen dann auch die Zuschauer. Heute kann sich das keiner mehr leisten. Nach 4 Tagen entscheidet sich, ob ein Film ein Flop ist und aus dem Programm genommen wird.

Kann es eine Koexistenz von Streamingdiensten und dem Kino langfristig geben, ohne das dabei einer verliert?

Andrea Sawatzki:
Zum einen werden die Heimkinos immer besser und die Fernseher immer größer. Für viele bietet die “große Kinoleinwand” deshalb kaum noch Anreize. Und wenn es die Streamingdienste gibt, bei denen man 24 Stunden auf Filme zugreifen kann, wozu ins Kino gehen?

Christian Berkel:
Übrigens, die größte Konkurrenz für den Buchmarkt ist Netflix und Co. Diese ziehen die Leser ab. Die, die früher gelesen haben, schauen jetzt Netflix. Das ist wie ein Buch, man kann es nutzen wann man will. Es steht jederzeit zur Verfügung. Und dann kann man stundenlang gucken, aber da der Mensch nur eine begrenzte Aufnahmefähigkeit und Zeit zur Verfügung hat, geht dann davon die Zeit fürs klassische Lesen ab.

Durch die diversen Streamingplattformen kommt sehr viel an Filmen und Serien auf den Markt. Da ist es gar nicht möglich alles zu konsumieren. Gleichzeitig erleben wir derzeit einen deutschen Serien-Hype. Das bietet Chancen, aber auch die Gefahr, dass das eine oder andere dabei abfällt?

Christian Berkel:
Normalerweise belebt Konkurrenz das Geschäft. Und für uns Schauspieler bietet das auch neue Möglichkeiten. Es ist sicher spannend, wie die Plattformen mit der Erzählstruktur der Serien umgehen. Gleichzeitig hat das bereits Einfluss auf die Öffentlich-Rechtlichen Sender. Diese müssen offener und mutiger werden, auch was ihre Strukturen betrifft.
Das ist ja grundsätzlich positiv. Und es ist noch nie eine Erzählform komplett verschwunden.
Es kam immer etwas Neues dazu, was das Alte verändert und ergänzt hat. Das Theater gibt es seit Ewigkeiten, als das Kino kam, hat man gesagt das sei der Tod des Theaters. Das ist nicht eingetroffen.
Als das Fernsehen kam, meinte man das ist der Tod des Kinos. Auch das ist nicht eingetroffen. Jetzt kommen die Streamingplattformen, und das sei der Tod des Fernsehens. Es wird nicht der Tod des Fernsehens sein. Davon bin ich fest überzeugt. Das sind immer kurze Erschütterungen, die durchaus gesund sind. Theater, Literatur, TV, Kino, Plattformen sind Erzählformen, und das Erzählen ist so alt wie die Welt, was es immer geben wird. Ganz früher war es das Lagerfeuer, an dem die Leute saßen und jemand eine Geschichte erzählt hat. Wir müssen uns ständig etwas erzählen, um die Welt des anderen kennenzulernen.

Ich sehe die Entwicklung, mache mir aber deswegen nicht so große Sorgen, da Menschen immer das Bedürfnis nach Geschichten haben. Egal auf welche Weise und durch welches Medium.

Andrea Sawatzki:
Und nach Kino?

Christian Berkel:
Auch, das Kino ist ein Ort, für den ich eine Entscheidung treffen muss. Ich muss mich also bewusst entscheiden dahin zu gehen. Das Kino muss sich überlegen wie es den Wandel und der neuen Konkurrenz begegnet. Zunächst wurde versucht mit Blockbustern mehr Menschen in die Kinos zu locken. Dann stellte sich heraus, Blockbuster sind keine Garantie für maximale Gewinne. Es geht letztlich immer wieder um den Mut, den jemand entwickelt und die Entschlossenheit, mit der er für ein bestimmtes Format einsteht und das was er erzählen will.
Man muss zunächst nach dem Inhalt der Geschichte suchen und dann die richtige Form dafür finden.
Wenn wir natürlich immer nur das kopieren was gerade gut gelaufen ist, dann produzieren wir Langeweile.
Aber die Film- und Produktionsstudios sind alles Wirtschaftsunternehmen und entsprechend in erster Linie am Geld verdienen interessiert.

Welchen Film habt Ihr zuletzt im Kino gesehen?

Christian Berkel:
Wir haben zuletzt meinen Film ‘Was uns nicht umbringt’, von Sandra Nettelbeck gesehen.

Lieblingsgenre?

Andrea Sawatzki:
Meines ist der Psycho-Thriller, den es aber leider nicht so oft gibt. Vor allem japanische Thriller finde ich toll. Wie ‘Dark Water’ zum Beispiel. Das Ungreifbare daran mag ich.

Christian Berkel:
Da sind wir verschieden, Andrea mag dieses Psychologische in Filmen, kein Blut und eher eine innere Gewalt als äußere. Ich liebe Gesellschaftsgeschichten, aber Andrea ja auch.

Andrea Sawatzki:
Ich finde deine letzten Filme auch alle fantastisch…

Christian Berkel:
So etwas was die Franzosen früher gemacht haben. Menschen in bestimmten, alltäglichen Situationen zeigen, aber mit Eleganz und Leichtigkeit erzählt. Nicht nur tiefgründig hart, sondern auch spielerisch. Ohne Moralische Keule, sondern die Auseinandersetzung und Vermittlung eines Lebensgefühls. Das ist doch das was wir alle suchen, wie gehen wir mit dieser Zeit um, die uns gegeben ist.
Ich denke dafür gibt es auch ein Publikum, die Frage ist nur an uns Macher gerichtet, wie müssen wir die Geschichten erzählen, damit wir das Publikum finden. Aber nicht nur das, sondern was müssen diejenigen die sich um den Vertrieb und dergleichen kümmern machen, um das Publikum, was ja da ist, die aber vielleicht gar nicht wissen, dass es diese bestimmte Filme gibt, ins Kino zu locken. Das ist die andere wichtige Aufgabe, die wir nicht leisten können.

‚Scheidung für Anfänger‘ – Anja (Andrea Sawatzki) und Christoph (Christian Berkel) geraten aneinander. © ARD Degeto/Christoph Assmann

Im wahren Leben glücklich verheiratet, in der Familienkomödie ‚Scheidung für Anfänger‘ im großen Ehestreit: Andrea Sawatzki und Christian Berkel spielen ein Ehepaar, dessen geplante friedliche Trennung wider Erwarten zur Schlammschlacht mutiert. So aber kommt die lang vermisste Dynamik zurück ins Leben der erlahmten Beziehung. Vielleicht ist sogar ein gemeinsamer Neuanfang drin – allerdings nur, wenn bei der Gütertrennung nicht zu viel Porzellan zu Bruch geht.

‘Scheidung für Anfänger’ – Samstag, 26.01.19 um 20:15 Uhr und So, 27.01.19 im ERSTEN.