FIRST STEPS Awards 2017 – Interview mit den Moderatoren Aylin Tezel und Jerry Hoffmann

FIRST STEPS Awards 2017 – Interview mit den Moderatoren Aylin Tezel und Jerry Hoffmann
Aylin Tezel und Jerry Hoffmann. (Photocredit Ron Junghans)

 

Am Montag, den 18. September 2017 werden im Stage Theater des Westens zum 18. Mal die FIRST STEPS Awards verliehen.
JayCarpet traf die beiden diesjährigen Moderatoren der Veranstaltung, Aylin Tezel und Jerry Hoffmann zu einem ausführlichen Interview.
Über den aktuellen Filmnachwuchs und den Stand des deutschen Films im allgemeinen.

Von Ron Junghans

 

Der First Steps Award besteht mittlerweile seit knapp 18 Jahren. So jung wart ihr, als eure Filme hier nominiert waren.
Jerry als „Samir“ in „Shahada“ (2010). Und Aylin mit deinem Film „Bis aufs Blut“ (2010).
Wie seht ihr die Entwicklung des deutschen Filmnachwuchses seither, deren Förderung und insgesamt die des deutschen Films?

Jerry:
Eine sehr komplexe Frage. Ich kann ganz persönlich an meiner Karriere sehen, dass mir mittlerweile ganz andere Rollen angeboten werden, das hat sich sicher verändert in Deutschland.
Dass ich gefragt werde, Matthias zu spielen der nicht Drogendealer in der Hasenheide ist.
Und nicht Jerome der Fußballspieler, sondern Arzt, Kommissar und so weiter.
Es werden vielseitigere Geschichten erzählen.
Das Bild des deutschen Films hat sich auch verändert. Toni Erdmann zum Beispiel. Ich weiß nicht wie lange es her ist, dass ein Deutscher Film Oscar-Kandidat wird, international viele Preise abräumt und diese Aufmerksamkeit erhält.
Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat den Etat des Deutschen Filmförderfonds um 25 Millionen Euro erhöht (2018 folgen weitere 50 Millionen Euro).
Wir nehmen glaube ich den Film inzwischen, in einer Zeit des Umbruchs, als Massenmedium und Kommunikationsmittel zwischen allen Gesellschaftlichen Teilen mehr ernst.

Der deutsche Film wird im Ausland anders wahrgenommen als hierzulande. Das eigene Publikum ist zweifelsohne immer das kritischste.
Vor allem wenn es nicht gerade um unsere „Lieblings-Vorzeigeobjekte“ wie Autos geht.
Du hast Toni Erdmann erwähnt, der Film räumt bei den nationalen und europäischen Filmpreisen ab, Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film, höchstes Lob aus Hollywood, Jack Nicholson arbeitet bereits an dem US-Remake. Die Kinozahlen hierzulande spiegeln dies aber nicht unbedingt wider (knapp 800.000 Zuschauer in Deutschland).
Wie seht ihr die Wahrnehmung hier in Deutschland zu unseren Filmen?

Aylin:
Also ich glaube das in den letzten Jahren oft auf Nummer sicher gegangen wurde. Besonders im TV aber auch im Kinobereich. Dass man einfach Formate gewählt hat, von denen man wusste das sie gut laufen werden. Zu wissen man hat sein Publikum, um das Quotenziel zu erreichen. Ich habe das Gefühl das es jetzt so langsam eine Öffnung zu mutigeren Projekten hin gibt.

Dass man zum Beispiel eine Serie produziert, von der man sich nicht sicher sein kann das es eine wahnsinnig gute Quote gibt.
Man möchte sich kreativ anders aufstellen. Und das Publikum auch mal ein bisschen aufrütteln.
Und das braucht Zeit und Arbeit die Sehgewohnheit des Publikums zu ändern, beziehungsweise zu beeinflussen, im positiven Sinne natürlich.
Ich glaube da sind wir Deutsche manchmal ein bisschen langsam und brauchen dafür etwas mehr Zeit. Andererseits hat die Tradition des Kinos hier in Deutschland lange Zeit keine entscheidende Rolle gespielt. Also zumindest nicht so wie der italienische oder französische Film, die immer für etwas bestimmtes standen.
Nachdem die Fassbinder-Ära vorbei war, gab es ja lange keine deutschen Produktionen, die die Menschen ins Kino gezogen hätten.
Und dann ging es erst wieder so langsam in den 90ern los, mit diesen großen Kinokomödien mit Katja Riemann und so weiter.
Aber ich sage mal der deutsche Film erfindet sich ja erst in den letzten Jahren überhaupt wieder neu und bekommt jetzt so langsam ein (neues) Gesicht. Wir können da einfach nicht auf diese eine Tradition zurückgreifen wie in anderen Ländern.

Jerry:
Und das hat glaube ich im Kern mit den neuen Produktionsstrukturen zu tun. Also es geht, oder es ging in den letzten Jahren ganz viel um Quoten und Barometer.
Wer bemisst eigentlich was gesehen werden soll und wie repräsentativ ist das immer.
Und jetzt gerade in Zeiten von Video-on-Demand, siehe Netflix und Amazon, die immer mehr Zuspruch bekommen und nochmal anders Gelder zu Verfügung haben, gibt es nun viel mehr die Möglichkeit mutig zu sein. Und auch die Beteiligungen an internationalen Co-Produktionen steigen.
Denn mein Gefühl ist, dass immer mehr Deutsche, oder deutschsprachige Schauspieler auch in ausländischen Produktionen zu sehen sind.
Das heißt das der europäische Markt, aber auch der Markt Richtung Amerika mehr fusioniert und man trennt das nicht mehr in nationale Grenzen, sondern versucht globale Geschichten zu erzählen und dann wird es spannend.

Aylin:
Ja, es gibt auch mehr Koproduktionen, also es ist viel normaler inzwischen das man jetzt bei Filmen oder Serien dabei ist, wo auch ein französischer und/oder englischer Koproduzent dabei ist.

Jerry:
Einer der besten Filme die ich letztes Jahr gesehen habe war „Mustang“, eine türkisch-französisch-deutsche Koproduktion, mit deutschen und türkischen Schauspielern. Gefördert von allen möglichen europäischen Fördermitteln und zugleich Oscar-Kandidat. Ein ganz besonderer Film, der einen wirklich berührt und ganz eigen erzählt wird.

Was die Finanzierung betrifft ist Deutschland tatsächlich sehr konservativ, außer bei Genres wie Rom-Coms bei denen das Geld lockerer sitzt. Aber kleine, mutige Projekte die einen neuen Weg gehen wollen, wie der „Der Nachtmahr“ (2016) oder „Plan B – Scheiss auf Plan A“ (2017) es immer sehr schwer haben, egal wie interessant sie sind.
Da scheint es, fehlt manchmal der ernsthafte Wille nach etwas neuem, mutigeren. Anstatt immer dieses Sicherheitsdenken.
Aber da glaube ich auch geht langsam was… hoffentlich.

Jerry:
Und das ist dann die Brücke zu der nächsten Generation, wie sie bei First Steps Award geehrt wird.
An diese Generation ist auch die Hoffnung gebunden, dem deutschen Film mehr Vielfalt zu schenken, fern der bekannten Sehgewohnheiten.

Kurz ein Wort zur Jury…

Aylin:
Die Jury ist immer unterschiedlich. Es gibt für die einzelnen Kategorien entsprechend eine Jury, die dafür passend zusammengestellt wird, und immer auch Mitglieder aus verscheidenen Filmbereichen zusammenbringt, wie Regie, Produktion, Schauspiel, Drehbuch und so weiter. Das ist immer eine große Bandbreite und eine gute interessante Zusammenstellung jedes Jahr.

Habt ihr schon Filme sehen können? Wie seht ihr die Qualität dieses Jahr?

Jerry:
Wir haben natürlich eine Liste der Filme und haben uns zunächst über die Projekte informiert und schauen die uns natürlich der Reihe nach an.

Aylin:
Dabei kann man wirklich sagen das die Qualität der Arbeiten bei den First Steps immer sehr hoch ist.
Das ist auch definitiv auffällig in den letzten Jahren. Die nominierten Filme sind allesamt spannende Projekte. Das macht es teilweise auch wirklich schwierig sich für einen Gewinner zu entscheiden.
Ich habe das im vorigen Jahr ja selbst erlebt, allein in der Werbefilm-Jury, und ich meine hier sprechen wir über kurze Clips, von meist 1-3 Minuten Länge.
Aber selbst da war eine unglaublich hohe Qualität und das war echt schwierig, man ist da schon froh, dass man fünf Nominierungen aussprechen darf, das man zumindest zu 5 Filmen sagen kann, ihr habt tolle Arbeit geleistet. Aber sich dann auf einen Sieger zu einigen ist echt nicht einfach.
Und dennoch ist es einfach schön zu sehen, weil man sich auch gleichzeitig freut wenn man diese Filme sieht und so denkt; Wow, das ist unser Nachwuchs!
Hier sehen wir vielleicht unsere zukünftigen Regisseure mit denen wir arbeiten können.
Das ist sehr bereichernd an diesen Awards und macht Hoffnung für die Zukunft, zu sehen, dass viel neues Talent den Markt bereichert. Und diesen aufrüttelt und aufmischt.

Jerry:
Und auch gerade in dieser Generation. „Shahada“ war ja ein Abschlussprojekt, ein Diplomfilm von drei Studenten und ich habe das Gefühl, dass Leute die ihren Abschluss einer Filmausbildung bestreiten, manchmal ein bisschen kompromissbereiter sind.
Weil sie wissen, das ist mein Film, mein erster richtiger Film. Und das setzt einfach eine Energie frei, die eine künstlerische Kompromisslosigkeit fördert.
Da ist dieser Drang, den man in jedem Künstler sucht und den es bei manchen Menschen vielleicht nach vielen Jahren nicht mehr gibt. Es bleibt zu hoffen das genau diese Energie lange erhalten bleibt.

Wie leicht oder schwer findet ihr, haben es in Deutschland junge Filmemacher in der Branche Fuß zu fassen? Auch im internationalen Vergleich.

Aylin:
Ich kann mich nur darauf beziehen was ich von meinen Freunden mitbekomme, die selber Filme machen. Und was ich da so mitbekomme ist, dass es meistens relativ einfach ist wenn die auf einer Filmhochschule waren, ihren Abschlussfilm zu finanzieren, weil sie von ihrer Hochschule Hilfestellung bekommen und es vielfach diverse Projekte gibt, an denen man teilnehmen kann.
Was aber ganz schwierig ist, nach dem man seinen ersten Film, den Abschlussfilm herausgebracht hat, dann seinen nächsten Film zu finanzieren. Es ist gar nicht so leicht, wenn man die Komfortzone der Filmhochschule verlässt und sich dann wirklich alleine auf dem Markt behaupten will und muss, das erlebe ich oft.

Jerry:
Und wir haben das Glück, dass die deutsche Ausbildung vergleichsweise günstig ist.
Ich habe Filmregie in L.A. studiert (Loyola Marymount University, Los Angeles, Film- and Television Production), da kostet ein Studienjahr dann 30.000 Dollar.
Natürlich gibt es im ersten Schritt immer erstmal ein künstlerisches Auswahlverfahren. Aber ich finde es total toll, dass wir in einem Land leben, indem man ein künstlerisches Studium, über 4-5 Jahre, mit ca. 600 Euro im Jahr wirklich finanzieren kann.
Ich weiß, dass manchmal der Wunsch besteht, das es eine größere Dringlichkeit für die Geschichten, die einen interessieren, herrscht. Das dafür mehr Raum gelassen wird. Mehr als die Strukturelle Herangehensweise, wie man einen Film macht, aber das ist auch von Ausbildung und Institution zu Institution unterschiedlich. Und man kann Kunsthochschulen auch nicht generalisieren, weil es immer an den einzelnen Menschen liegt die einen unterrichten.

Ich war ja in zwei Schauspielschulen, ich kenne zwei institutionelle Systeme sehr gut von innen und weiß genau was mir da jeweils gefehlt hat.
Meine grundsätzliche Haltung zur künstlerischen Ausbildung ist, den Leuten Freiheiten zu geben STRICH. Sich auszudrücken, sich zu finden, zu gucken worauf er oder sie Lust hat. Und nicht von außen alles vorzugeben.
Das ist sicher auch schwer für jemanden der lange im Beruf steht, weil du als Ausbilder/Dozent auch jemandem etwas mitgeben möchtest.
Du möchtest mit anderen deine Erfahrung und dein Wissen teilen und gleichzeitig musst du annehmen, dass jemand vielleicht für sich mehr weiß als du ihm geben kannst.
Und dazwischen hängen die künstlerischen Ausbildungen. Das ist mein Gefühl. Während die Amerikaner zum Beispiel sehr auf Produktion gehen.
Was da das schwierige war, gerade in der Regieausbildung ist, dass du wahnsinnig schnell wahnsinnig viel produzieren musst. Dann musst du sofort einen Produktionsplan fertig haben und so weiter. Da gibt es ein enormes Tempo.
Das hat aber mit den Gesamtproduktionsmöglichkeiten zu tun, weil man es mit viel mehr Geld zu tun hat, mit viel größeren Projekten, die viel mehr Struktur brauchen.
Unseren Großprojekte zählen dort manchmal als Low-Budget Produktionen.

Stichwort Budget; da gibt es in Deutschland ja gleich einen Aufschrei, wenn beispielsweise 8 Millionen Euro in Til Schweigers Kino-Tatort (Tschiller: Off Duty) investiert werden. Bei uns sind Filme vor allem über die Filmförderanstalten finanziert, anders als in den USA.
Könnte das langfristig auch in Deutschland funktionieren, oder ist es überhaupt realistisch, Filme auch privat zu finanzieren, auf und durch den freien Markt sozusagen?

Aylin:
Ich glaube in Deutschland kann man Filme gar nicht anders finanzieren, man braucht ja die Filmförderung. Das ist nicht so wie in Amerika wo es viele private Finanziers gibt, die das Geld haben und in das Medium Film investieren.
So etwas gibt es in Deutschland nicht. Ohne die Filmförderung können wir keine Filme finanzieren. Wir sind abhängig von diesen Förderungen und wir sind abhängig von den Menschen die dort sitzen und die Entscheidungen treffen.

Das kann unter Umstanden ja auch Einschränkung bedeuten, sei es in Kreativität etc. Wenn ich eine Förderung aus einem bestimmten Bundesland erhalte, muss ich auch dort drehen. Kann das gegebenenfalls auch hinderlich sein?

Jerry:
Der Drehort ist das eine, schwierig wird es, wenn man beschnitten wird in dem was man erzählen möchte. Und wenn gewisse Drehbücher nicht gefördert werden, die förderungswürdig sind. Oder wenn man versucht auf Grund der Erfahrung der letzten 20 Jahre zu bestimmen, ob ein Film für die Zukunft erfolgreich wird oder nicht. Das müssen Produktionsfirmen und gerade Förderanstalten, weil sie manchmal öffentlich sind, aber vor allem rentabel sein wollen, und daher ihre Ausgaben rechtfertigen müssen. Jeder möchte mutig und neu erzählen, aber das ist eben auch ein Risiko.

Als Schauspieler steht man zwar auch vor der Kamera…
Aber eine Moderation vor hunderten Menschen ist nochmal etwas anderes. Seid ihr aufgeregt? Habt ihr euch speziell vorbereitet oder etwas einfallen lassen?

Beide: Wir moderieren uns einfach gegenseitig an. Dann wird das schon. (Ironisch gemeint)

Aylin:
Wir freuen uns drauf und je näher es rückt, desto nervöser werden wir, aber damit steigt auch die Lust das Ding zu rocken.
Wir freuen uns aber auch sehr auf die Party. Wir haben uns vorgenommen, das wir so oder so, nach der Veranstaltung trinken und tanzen werden.
Egal wie das für uns ausgehen wird, ob wir es vernünftig moderieren oder alles den Bach runter geht. Danach wird getanzt!
Darauf liegt unsere Konzentration, also auf beides.
Und in erster Linie freuen wir uns einfach ganz viele strahlende Gesichter von Gewinnern, den Nominierten und jungen Leuten zu sehen, ich glaube das wird eine schöne Veranstaltung.

Jerry:
Und das ist jedes Jahr eine so tolle Energie von Menschen, die gerade am Abschluss ihrer Ausbildung stehen, oder am Beginn einer Karriere.
Die anders auf diesen Beruf schauen. Und da ist es natürlich toll das wir beide gemeinsam dort sind und mit viel Lust und Laune den Abend bestreiten können.

Genau wegen dieser Lust und Energie hat man euch für diesen Job engagiert.
Wir freuen uns auf alle jungen Filmemacher und ein tanzendes Moderatorenpaar Aylin Tezel und Jerry Hoffmann am 18. September 2017 im Berliner Stage Theater des Westens.