Interviews'Mehr denn je': Interview mit Regisseurin Emily Atef

‚Mehr denn je‘: Interview mit Regisseurin Emily Atef

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JayCarpet-Interview mit Regisseurin und Drehbuchautorin Emily Atef (3 Tage in Quiberon).
Mit ihrem neuen Film ‚Mehr denn je‘ zeichnet die Filmemacherin ein einfühlsames und bewegendes Liebesdrama, dass sehr eindringlich die oft vernachlässigenden Wünsche von Todkranken Menschen aufzeigt. Denn viel zu selten stellen wir uns die Frage, was eigentlich die Betroffenen wollen. Wollen sie wirklich unsere pausenlose Fürsorge, die oft aus egoistischen Belangen entsteht, oder vielleicht etwas ganz anderes. Diese Frage wirft der Film auf ohne Antworten zu geben, denn diese muss jeder für sich selbst suchen. ‚Mehr denn je‘ ist dann auch mehr ein Film über das Leben als über den Tod, auch wenn dieser stetig präsent ist. Eine Selbstfindungsreise, die uns alle angeht.

Interview geführt von Ron Junghans

Emily Atef bei der Premiere des Kinofilms ‚Mehr denn je‘ / Plus que jamais
bei der 22. Französischen Filmwoche im Filmtheater am Friedrichshain.
Berlin, 25.11.2022 (Foto:S.Gabsch/FutureImage)


„Mehr denn je“ ist ein Film einer totkranken Frau die aus ihrem bisherigen Leben ausbricht und sich auf eine Reise begibt. Der Film ist, anders als man bei dem Thema vermuten könnte, weniger schwermütig oder beengt, sondern du schaffst im Prinzip auf mehreren Ebenen eine Weite und öffnest den Film für das Publikum und die Charaktere, was eine sehr interessante Sichtweise ist.

Emily Atef:
Für mich ist es kein Film über den Tod, sondern über ein Teil des Lebens, was wir alle früher oder später erleben werden.
Es ist eine große Liebesgeschichte zwischen einem Lebendigen und einer Frau die schon auf dem Weg ist zu gehen.
Und dabei geht es um das Manko an Gesprächen das wir miteinander haben. Das Ende des Lebens werden wir alle erleben. Auch als Lebendige, die miterleben wie Familienangehörige, Partner und Freunde gehen. Aber wir reden nie darüber.
Wir reden nie mit den anderen darüber, was sie wollen. Denn es ist ihre Zeit, ihre letzte Zeit. Und wir fragen uns nicht was sie wollen. Also ob sie allein ihre letzten Stunden verbringen möchten, wo sie diese verbringen wollen, mit wem usw. Der Film bietet keine Lösung an, sondern es geht um das Akzeptieren der Wünsche der von uns Gehenden und das wir die Wünsche des gegenüber akzeptieren. Das ist aber sehr oft nicht der Fall. Das liegt auch daran, dass die Kranken und Sterbenden meistens gar nicht die Kraft haben gegen die gewaltige Kraft des Gegenübers anzukommen. Oder sie haben auch Angst, diese Wünsche überhaupt mitzuteilen.


Es ist auch ein Film über das Reisen, allein Reisen, um mit sich selbst zu sein. Helene (Vicky Krieps) möchte ihren eigenen Weg gehen…

Emily Atef:
Sie hat es schon vor ihrer Krankheit, durch die Helene immer schlechter atmen kann, nicht geschafft alleine zu Reisen. Nun hat sie plötzlich durch ihre Krankheit den Mut Dinge zu machen, wofür ihr vorher der Mut fehlte.
Und wenn sie sich auf die lange Reise nach Norwegen begibt und auf diese überwältigende, schöne, aber auch unerbittliche Natur trifft, da scheint es fast so zu sein, dass sie das erste Mal atmet.
In dieser Ruhe und dem Schweigen an diesem einsamen Platz, kann Helene bei sich selbst sein. Das war bisher in ihrer alten Umgebung nicht möglich, im Umfeld ihrer Liebenden. Für die Frage was will ich eigentlich, gab es bisher keinen Raum und Zeit.

Der Film ist im Grunde auch ein kleines Kammerspiel, bestehend aus drei Hauptcharakteren. Wie stellt sich für dich als Regisseurin die Arbeit mit so einem reduzierten Ensemble, im Gegensatz zu einem großen Cast dar?

Emily Atef:
Ich habe ja schon ähnliche Kammerspiele wie zb. „3 Tage in Quiberon“ gedreht. In „Mehr denn je“ gibt es viel weniger Dialog. Norwegen und die Natur ist hier der vierte Charakter. Was gar nicht so leicht ist. Denn man muss schauen, wie man die Natur filmt, damit das Publikum das auch spürt und fühlt, wenn man die Figuren in diesem Set integriert. Sonst hat man nur Fotos die man nicht fühlen kann.
Ich persönlich liebe diese Konzentration auf wenige Schauspieler*innen. Natürlich ist es für mich als Regisseurin auch einfacher. Denn dadurch haben die Schauspiele*rinnen auch viel Raum für ihr Spiel. Ein großes Ensemble, was sicher auch spannend ist, ist auch eine Herausforderung. Ich freue mich immer, wenn ich mit den Schauspieler*innen auch mal alleine sein kann. Das ist bei einem großen Ensemble eher schwierig.

Vicky Krieps in ‚Mehr denn je‘


Das du Norwegen ausgewählt hast, mag aufgrund der Schönheit der Natur kaum wundern, aber gibt es noch einen anderen Grund?

Emily Atef:
Das wir in Norwegen gedreht haben hat einen sehr persönlichen Hintergrund. Als ich mit 25 Jahren zum ersten Mal in Norwegen war, habe ich eine Motorradtour mit einem Norweger gemacht, der sich gerade ein altes Motorrad gekauft hatte. Die Tour ging von Norden bis in den Süden des Landes. Und wenn man auf dem Motorrad fährt, ist man der Natur sehr nahe. Es war gerade Sommer, also war es permanent hell. Die Natur war so groß und riesig, dagegen fühlt man sich sehr klein. Da draußen ist es egal ob man lebendig ist oder stirbt. Der Natur ist es völlig egal ob man da ist oder was mit einem passiert. Das macht einen bescheiden, bringt einen zurück auf den Boden.
Das alles macht was mit einem, wie man auch im Film sieht. Helene muss sich erst an die permanente Helligkeit und an die Ruhe gewöhnen.


Zu deinen beiden Hauptdarstellern Vicky Krieps und Gaspard Ulliel;
wie oder wann hast du gespürt das die zwei für die Besetzung genau die richtigen sind?

Emily Atef:
Vicky kannte ich schon länger denn sie ist tatsächlich meine Nachbarin in Berlin. Unsere Kinder waren zusammen im Kindergarten. Und wir wussten schon immer, dass wir zusammenarbeiten wollten. Sie hatte einen kleinen Cameo-Auftritt in „3 Tage in Quiberon“. 2018 habe ich Vicky, hier in einem Café in Berlin, von der Geschichte erzählt. Dabei habe ich ihr das ganze Drehbuch vorgelesen. Und sie sagte gleich, dass sie es gar nicht erst selbst lesen will, sie will es machen.
Und durch Castings die Vicky in Frankreich hatte, hat sie Gaspard kennengelernt und ihn mir für die Rolle des “Mathieu Mouchet” vorgeschlagen.

Ich hatte Gaspard bis dahin noch nicht persönlich kennengelernt, aber kannte und mochte ihn natürlich durch seine Filme. Ich habe ihm das Drehbuch geschickt und wir haben uns in Paris getroffen. Er hat die Rolle sofort verstanden und Vicky und Gaspard hatten auch Lust miteinander zu spielen. Wir haben dann schon 2019 in Berlin geprobt. Dann kam aber erstmal Corona.

Die beiden haben ihre Rollen und das Drehbuch so gut verstanden und verinnerlicht, dass die Liebesgeschichte immer größer und intensiver wurde.


Zum Drehbuch und der Entstehung der Geschichte von „Mehr denn je“…

Emily Atef:
Mehr denn je ist eine sehr lange Arbeit die bereits 2010 begann. 2011 habe ich dann angefangen zu schreiben. Und 2012 habe ich das Drehbuch gemeinsam mit Lars Hubrich geschrieben. 2021 haben wir den Film schließlich gedreht.
Am Anfang hat man sehr viel Ideen um die Figuren zu erzählen. Man wird aber mit der Zeit sparsamer, weil man dem Publikum vertraut das es versteht. So hatten wir zum Beispiel sehr viele Szenen, um das Leben in der Stadt vor der Erkrankung von Helene zu erzählen. Auch um den Gegensatz zu Norwegen zu zeigen. Aber wir haben gemerkt, dass es das gar nicht braucht.
Wir haben den Klaustrophobischen Aspekt von Helene in ihrer verdunkelten Wohnung mit der Kamera schon sehr gut eingefangen. Und wenn sie dann in Norwegen ankommt, atmet sie auf. Also sowohl Helene als auch das Publikum.
Am Anfang vertraut man seinen Figuren und schreibt sehr viel um sie zu erklären. Das ist ein Prozess und diese Zeit braucht man auch.
Ich musste auch reifer sein um diesen Film umsetzen zu können. 2010 hätte ich diesen Film nie machen können.

Bjørn Floberg und Vicky Krieps in ‚Mehr denn je‘


Man weiß als Filmemacher*in nie, ob am Ende das Publikum die Geschichte auch so fühlt wie man selbst, dafür gibt es keine Garantie. Das ist sicher mit das schlimmste was einem passieren kann. Aber ich finde, dass das im Prinzip offene Ende der Geschichte etwas Hoffnungsvolles hat. Auch wenn man im Prinzip weiß wie das Ganze ausgeht, etwas positives bleibt, und das ist nicht selbstverständlich.

Emily Atef:
Weil es eine Emanzipationsgeschichte ist. Und es ist sehr positiv, weil „Mathieu“ (Gaspard Ulliel) zum Held für Helene wird. Er hat ihr das größte Geschenk gemacht, was man in der Liebe machen kann. Er hat ihr erlaubt zu gehen. Obwohl er daran zerbricht. Das macht ihn aber auch stärker, weil er weiß, ich habe das getan was sie wollte.


Der Film wurde 2021 gedreht, die Weltpremiere in Cannes war bereits im Mai 2022, am 1. Dezember 2022 kommt „Mehr denn je“ in die deutschen Kinos. Dazwischen ist also eine lange Zeit, an was hast du zwischenzeitlich noch gearbeitet?

Emily Atef:
Kurz nach Cannes war ich bereits wieder am Drehen. Ein neuer deutscher Film „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, der noch nicht ganz fertig ist. Er wird dann hoffentlich nächstes Jahr rauskommen. Es ist meine erste Romanverfilmung. Auch eine Liebesgeschichte, aber ganz anders als „Mehr denn je“. Er spielt im Sommer nach dem Fallder Mauer, auf dem Land in Thüringen.

Gaspard Ulliel in ‚Mehr denn je‘


Zum Schluss ein Wort zu Gaspard Ulliel, der die Premiere des Filmes leider nicht mehr erleben konnte. „Mehr denn je“ ist sein letzter Film.
Welche Erinnerungen oder Anekdoten fallen dir zu Gaspard Ulliel ein?

Emily Atef:
Es war für mich ein großes Geschenk mit Gaspard zu arbeiten. Er hat die Arbeit sehr ernst genommen. Er hat sich wahnsinnig darauf vorbereitet. Er kam schon Jahre vor Drehbeginn zu mir und hat gefragt, ob er für seine Figur einen eigenen Namen erfinden kann. Ich hatte ursprünglich einen anderen Namen für seine Figur. Er taufte sie dann „Mathieu“.
Gaspard war sehr tiefsinnig und sympathisch zu allen Menschen im Team. Es war eine wahnsinnig schöne Arbeit mit ihm. Für einen Regisseur oder eine Regisseurin ist die Arbeit mit einer Person wie ihm sehr schön und einfach, weil er immer am Arbeiten war, auch an sich selbst. Gleichzeitig war er ein Perfektionist. Er war immer offen für neue Ideen und hat sich selbst auch eingebracht. Es war wirklich toll mit ihm zu arbeiten.

‚Mehr denn je‘ – Ab 1. Dezember 2022 im Kino
Regie: Emily Atef
Drehbuch: Emily Atef & Lars Hubrich
Cast: Vicky Krieps, Gaspard Ulliel, Bjørn Floberg

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