Film Review: ‚Sicario 2‘

SICARIO 2
'Sicario 2': Das Team um die Agenten Matt (Josh Brolin, links) und Alejandro (Benicio Del Toro, rechts) bereitet sich auf den Einsatz vor. (Studiocanal)

OT: Sicario: Day of the Soldado
Regie: Stefano Sollima
Cast: Benicio del Toro, Josh Brolin, Matthew Modine, Jeffrey Donovan, Christopher Heyerdahl, Catherine Keener, Ian Bohen, Manuel Garcia-Rulfo, Jake Picking, Isabela Moner, David Castaneda, Elijah Rodriguez
USA 2018
Action, Crime, Drama
122 Minuten
FSK 18


 

Ein eskalierender Drogenkrieg, von Terroristen und Schleuserbanden – dazwischen die CIA mit Matt Graver und Alejandro Gillick. Ein Gegenschlag.

Das ‚Sicario 2‘ mit einem FSK 18 versehen ist, im Gegensatz zum ersten Teil, der noch mit FSK 16 erschienen war, ist kein Zufall. Denn im zweiten Film der vorgesehenen Trilogie geht es tatsächlich härter und noch düsterer zu als im Vorgänger.

Wie man diese so eindringliche Stimmung erneut einfangen und intensivieren kann, war für Regisseur Stefano Sollima eine enorme Herausforderung. Das schwere Erbe des gefeierten Denis Villeneuve.
Doch wem sonst als Sollima sollte diese Kunststück gelingen. Mit der Serie ‚Gomorrah‘ und dem Mafia-Thriller ‚Suburra‘ bewieß der Italiener dass er Crime-Drama/Thriller kann. Und diese entsprechend atmosphärisch einfangen.

'Sicario 2
Regisseur Stefano Sollima (r.) am Set von ‚Sicario 2.

Und was Stefano Sollima aus ‚Sicario 2‘ gemacht hat, wie er die Weiterentwicklung der Figuren um Benicio del Toro und Josh Brolin fortsetzt, die Zuspitzung des Drogenkrieges und den Gegenschlag von US-Seite aus kann sich mehr als sehen lassen.

Nach dem Erfolg von ‚Sicario‘ im Jahr 2015 ist es nachvollziehbar dass die Verantwortlichen das ganze fortsetzen wollten. Die Skepsis aber seitens Fans und Presse groß, diesen inzwischen zum Klassiker im Crime-Genre aufgestiegenen Kartell-Thriller ein Sequel zu verpassen. Die wenigsten können schließlich an den Erfolg der Vorgänger anknüpfen.

Die Tatsache, dass dies bei ‚Sicario 2‘ gelingt, ist zum einem Drehbuchautor Taylor Sheridan zu verdanken, der hier erneut eine packende Geschichte erzählt und den Charakteren eine interessante Entwicklung zuschreibt. Und wie bereits erwähnt Regisseur Stefano Sollima.

Doch noch zwei weitere Kategorien und Besetzungen sind hierbei ausschlaggebend. Da wäre die Kamera. 2015 hatte Denis Villeneuve an seiner Seite Roger Deakins. Beide arbeiteten neben ‚Sicario‘ auch bei ‚Prisoners‘ und ‚Blade Runner 2049‘ zusammen. Bei allen drei Projekten erhielt er dafür eine Oscar-Nominierung, für letzteren gewann er sogar die begehrte Trophäe.

Stefano Sollima hatte für ‚Sicario 2‘ mit Dariusz Wolski (‚Alles Geld der Welt, The Walk‘) keinen unbekannten an seiner Seite. Wolskis schwere Aufgabe, die Geschichte auf ihre einzigartige Weise einzufangen, was mit starken Bildern Deakins im ersten Teil gekonnt gelang, meistert der Pole bravourös.

Im Zusammenspiel mit der dröhnenden Musik von Hildur Guðnadóttir, der den für den ersten Teil Verantwortlichen und kürzlich viel zu früh verstorbenen Jóhann Jóhannsson vertritt, kann die düstere und so spezielle „Sicario“-Stimmung erneut eingefangen werden.

'Sicario 2'
Alejandro (Benicio Del Torro, l.) und Gallo (Manuel Garcia-Rulfo, r.).

Oft fehlt es Fortsetzungen an der berühmten Originalität des Originals. Dessen „Einzigartigkeit“ kann sicher kaum ein Sequel erreichen. Doch ‚Sicario 2‘ hat einige Vorteile, die viele Fortsetzungen nicht haben. Neben der hochkarätigen Musik, Kamera und dem richtig besetzten Regiestuhl, sei hier besonders der Cast erwähnt. Denn wer hätte Benicio del Toro und  Josh Brolin ersetzen sollen. Beide sind elementare Bausteine im Sicario-Puzzle. Nur sie kennen ihre Figuren, die ihnen Taylor Sheridan nahezu auf den Leib geschrieben hat, so gut, dass sie deren Weiterentwicklung im zweiten Film nachvollziehbar und glaubhaft spielen können. Das gelingt. Ein Sicario ohne die beiden Hauptdarsteller – unvorstellbar.

Ein wichtiges Element fehlt aber diesmal. Die moralische Instanz von Emily Blunt. Diese Figur fällt nun komplett weg. Wie mag das funktionieren, fragte man sich im Vorfeld. Die Antwort: gut. Dadurch wurde ‚Sicario 2‘ zwangsläufig härter, düsterer und auf gewisser Weise unerschrockener. Denn nun konnte Stefano Sollima im Prinzip die volle Härte des Drogenkriegs, bzw. die der Kartelle und US-Regierung aufzeigen. Keiner hinterfragt, niemand stellt sich Matt Graver und Alejandro in den Weg.
Fast, denn obwohl der moralische Kompass scheinbar fehlt, ist ‚Sicario 2‘ nicht frei von jeder Menschlichkeit. Graver (Josh Brolin) und Alejandro (Benicio del Toro) werden mit Situationen konfrontiert, die sie an ihre Grenzen bringt. Ihre Freundschaft steht auf dem Spiel.
Die Tochter (Isabela Moner) eines Kartellbosses weckt in dem knallharten Söldner Alejandro einen folgenschweren Beschützerinstinkt.

'Sicario 2'
Alejandro (Benicio Del Toro) hat in seinem persönlichen Rachefeldzug die Tochter des Kartell-Chefs (Isabela Moner) entführt.

Sollima erschafft einen kompromisslosen Kartell-Thriller, der seine Hauptcharaktere und deren Empfindungen weiterhin in den Vordergrund stellt. Eine große Stärke beider Filme. Mit nachvollziehbaren Motiven, sowohl seitens der Kleinkriminellen, der Kartelle, US-Regierung bis zu den CIA-Agenten. Und mit einer aktuellen Brisanz.

Die Tatsache dass sich nun die Geschichte nicht mehr im/aus Fokus einer Person abspielt, ist nach Villeneuves großartigen ‚Sicario‘ gegebenenfalls gewöhnungsbedürftig. Schon aus dem Grund, weil sich der Mensch und Zuschauer gerne, auch aus Gewohnheit, an Figuren festhält, die ähnliche moralische und ethische Vorstellungen vertreten wie man selbst. Doch diesen Gefallen tut ‚Sicario 2‘ dem Publikum nicht. Das macht den Film weder besser noch schlechter. Nur anders, man ist geneigt zu sagen, hoffnungsloser. Denn die Realität im Universum von ‚Sicario‘ ist genauso wie der Film. Hart, kalt, kompromisslos, düster, blutverschmiert und dennoch mit kleinen Lichtblicken auf ein besseres Leben.

 

 


Drehbuch: Taylor Sheridan
Produzenten: Basil Iwanyk, Thad Luckinbill, Trent Luckinbill, Edward L. McDonnell, Molly Smith
Kamera: Dariusz Wolski
Schnitt: Matthew Newman
Musik: Hildur Guðnadóttir

 

Ab 29. November 2018 auf DVD/Blu-ray/4K UHD und Steelbook erhältlich:

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© Studiocanal

 

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