Der Fall Neeson: Wenn der Aufschrei zum Problem wird

Schauspieler Liam Neeson beichtete neulich in einem Interview, dass er als junger Mann schreckliche Gedanken gehabt habe, nachdem er erfuhr dass eine Freundin vergewaltigt wurde, von einem Schwarzen. Neesons Gedanken damals; Rache. Er wollte durch die Gegend fahren und irgendjemanden, der dem mutmaßlichen Vergewaltiger nur im Ansatz ähnlich sah, „etwas antun“. Er hat es aber zum Glück nie getan. Sondern Jahrzehnte später in einem Interview nun genau diesen Gedanken erzählt, fast beiläufig.

Die Folge; ein riesiger Shitstorm. Als Rassist beschimpft, ist für viele seine berufliche Zukunft bereits gestorben.

Wieder ein Weißer, den man als Rassisten beschimpfen kann. Das Problem: völlig aus dem Kontext gerissen, verselbstständigt sich eine Debatte, die am eigentlichen Problem vorbeigeht. Es zählt nur der Aufschrei. Ohne zu wissen um was es eigentlich geht. Ein Futter für die Sensations-Medien weltweit.

Doch das was Liam Neeson in einem Interview bei „Good Morning America“ erzählt hat, bei dem er eigentlich seinen neuen Film ‚Hard Powder‘ promoten sollte, ein Rachethriller, war sofort gefundenes Fressen für diejenigen, denen es nicht wirklich um das tiefsitzende Problem des Rassismus geht. Wichtig ist der Kern von Neesons Botschaft; jeder kann einmal in eine Situation geraten, wo einem Rachegedanken überkommen. Egal gegen wen. Das ist der Punkt, darum geht es.
Das geht aber schlicht in der aufgeheizten Debatte völlig unter.

Eine enge Freundin von Liam Neeson wurde vor Jahrzehnten von einem Mann mit schwarzer Hautfarbe vergewaltigt. Die Rachegedanken, also selbst Gewalt gegen schwarze Männer aus Rache auszuüben, mögen befremdlich klingen. Nicht der Rachegedanken als solches. Schließlich spielt Neeson seit Jahren in Filmen mit, in denen er Menschen umbringt – aus Rache.
Nein, das Problem war von Anfang die Schlagzeile die um die Welt ging: Liam Neeson will Schwarze töten. Völlig überzogen und schlicht falsch. Dabei erklärte Neeson im Interview, dass er diese Rachegedanken genauso gegen Weiße, Asiaten, Briten, Schotten u.s.w. gehabt hätte. Der Gedanke, dass seine Freundin von einem Mann vergewaltigt wurde, unabhängig von Herkunft und Hautfarbe habe ihn verrückt gemacht. Der Schauspieler hat damit klar gestellt; Ich bin kein Rassist.

Kritiker bemängeln aber eben diese Erklärung, sie reiche nicht aus, um sich eindeutig gegen Rassismus zu positionieren. Also nennt man ihn weiterhin einen Rassisten, auch nachdem er erklärt hatte, dass er die gleiche Reaktion und die gleichen Gedanken gehabt hätte, wenn seine Freundin von einem weißer Mann vergewaltigt worden sei.

„Du bist kein Held für dein Eingeständnis. Du bist ein Vertreter des Rassenterrors“, schrieb etwa der Kolumnist Charles Blow von der New York Times.

Regisseurin Ava DuVernay twitterte, dass Neesons Kommentare weiße Privilegien aus dem Lehrbuch seien und sagte: „Wenn mich die Leute fragen, was ein weißes Privileg ist. Stell dir vor, das wäre Will Smith.“

Obwohl Neeson seine Bemerkungen in „Good Morning America“ immer wieder erklärte, nachdem sie auf der britischen Website „The Independent“ veröffentlicht wurden, wurde die New Yorker Premiere von ‚Hard Powder‘ wenige Stunden vor der Ankunft der Gäste abgesagt .

„Es ist ein perfekter Sturm der Umstände“, sagte Evan Nierman, Gründer der New Yorker Krisenmanagement-Firma Red Banyan. „Es ist bezeichnend für ein paar Dinge, wie das Ausmaß, in dem die Rasse in unserem Land nach wie vor ein Blitzableiterproblem ist, Vorwürfe des Rassismus, die gegen den Präsidenten und direkt nach den rassenorientierten Skandalen unter den Gesetzgebern in Virginia gerichtet sind. Er hat zu einem besonders schlechten Zeitpunkt diese Debatte befeuert.“

Mehrere Filmprojekte von Neeson sind aber weiter in der Mache, darunter der kommende ‚Men in Black: International‘. Einige Filmfans forderten Neesons Entfernung aus dem Film. Etwa wie bei ‚All the Money in the World‘ (Alles Geld der Welt), als Schauspieler Kevin Spacey nach Vorwürfen wegen sexueller Gewalt, komplett aus dem fertigen Film entfernt und von Christopher Plummer ersetzt und gedreht wurde.
Wie sehr seine Äußerungen tatsächlich Auswirkungen auf seine Karriere haben werden, bleibt abzuwarten.


‚Hard Powder‘-Regisseur Hans Petter Moland verteidigte Liam Neeson als „Sehr anständigen, geerdeten Mann“.
Auch bei der Promotour in Berlin, bestand der norwegische Regisseur bei Nachfragen immer wieder darauf, dass Liam Neeson „kein Rassist“ sei.
„Er ist ein sehr ehrlicher, anständiger, geerdeter Mann“, sagte Moland auf einer Pressekonferenz zu ‚Out Stealing Horses‘, seinem neuen Drama mit Stellan Skarsgard, das im Wettbewerb der Berlinale Premiere feierte.

„Die Leute die ‚Hard Powder‘ nicht gesehen haben, aber von Neesons Kommentaren verärgert seien und damit dem Film auch kritisch gegenüberstehen und kommentieren, weil sie Neeson mit etwas in einen Topf werfen, mit dem er nichts zu tun hat, mache ihn sprachlos.“

Das Publikum solle Neesons Zitate im Kontext lesen, anstatt „den Twitter-Nachrichten zu glauben“.
Ich habe einen Film über die Sinnlosigkeit der Rache gedreht. Es macht sich über all die Gangsterstereotypen lustig, über all die anderen Arten von Stereotypen, die man sich vorstellen kann. Es ist eine bewusst absurde Geschichte über Rache, und ich möchte, dass die Leute es auch so wahrnehmen.“

Stellan Skarsgard äußerte sich während der Berlinale in Berlin so: „Ich finde es beunruhigend und beängstigend, in einer Welt zu leben, in der Menschen nicht nur für ihre Taten bestraft werden, sondern auch für das, was du sagst. Du kannst für das, was du denkst, bestraft werden. Aber vor allem wirst du dafür bestraft, was die Leute denken, was du denkst.“

Und damit bringt es Skarsgard auf den Punkt. Diese „Rassismus-Debatte“ bestraft den, der den Mut aufbringt über seine Gedanken zu sprechen, so absurd sie sein mögen. Und dafür wird Liam Neeson nun bestraft. Das hat zur Folge, dass sich unter Umständen in Zukunft keiner mehr traut etwas zu sagen. Weil jedes Wort einen Aufschrei nach sich ziehen kann. Die Leute werden sich noch mehr zurückziehen, das Thema Rassismus wird nicht mehr offen diskutiert, sonder hinter vorgehaltener Hand, wenn überhaupt.
Eine fatale Entwicklung. Gerade der allgegenwärtige Rassismus muss mit aller Offenheit diskutiert und angegangen werden, ob einem diverse Gedanken oder Meinungen nun passen oder nicht.

Der Skandal besteht nicht darin was Neeson gesagt hat, auch wenn er zweifelsohne recht Gedankenlos agiert hat, denn es hätte bessere Möglichkeiten gegeben dies zum Thema zu machen – der eigentliche Skandal besteht darin wie darauf größtenteils reagiert wurde.
Wer sich das komplette Interview ansieht wird verstehen was gemeint ist. Leider, wie so oft, greifen sich einige Medien und Personen nur die eine passende Passage heraus – um dann loszutreten.
Es ist eben leicht, Dinge aus dem Kontext zu reißen.

Liam Neeson wird wieder arbeiten. ich glaube nicht dass seine Karriere nun vorbei ist, wie es sich einige wünschen. Nur wird er nun eine Weile von der Bildfläche verschwinden müssen. Denn im schnelllebigen Informationszeitalter verschwindet jede Schlagzeile auch so schnell wieder wie sie gekommen ist.

Der Satz „Er wolle durch die Straßen ziehen um körperliche Gewalt zu entfesseln, in der Hoffnung, einen „schwarzen Bastard“ zu töten“, ist mehr als unklug gewählt.
Und genau diese Wortwahl, ohne den Kontext zu kennen, ist eine weitere Flamme im Kampf gegen Rassismus und der aufgeheizten Social-Media Welt.

Doch dieser Vorfall, dieses ganz persönliche Empfinden, nach der Vergewaltigung einer sehr guten Freundin, kann ich gut nachvollziehen. Niemals würde ich mich so äußern. Aber hatte ich schon einmal Rachegedanken? Ja! Auch bei mir war es eine gute Freundin (nicht nur einmal), wo ich nach einigen Vorfällen spontan mit Gewalt geantwortet hätte. Wir reden hier aber Gott sei Dank nicht von Vergewaltigung.

Liam Neesons Erlebnis liegt sage und schreibe 40 Jahre zurück. Seither ist viel passiert. Er mag seine Gründe gehabt haben, erst jetzt eine Art Beichte abzulegen. Vielleicht war es aber auch spontan, ohne Nachzudenken. Was sehr wahrscheinlich ist. Manchmal kommen Dinge, die man fast verdrängt hat, nach Jahren wieder hoch. Und zwar so stark, dass man sie einfach loswerden und erzählen will. In Neesons Fall war womöglich auch der Film (einer) der Auslöser.

Ich persönlich erschrecke immer wieder, wie schnell auf den „Zug des Aufschreis“ aufgesprungen wird. Mithilfe von Social-Media kann man innerhalb von Sekunden einen enormen Shitstorm auslösen, der im schlimmsten Fall nicht nur Karrieren, sondern Leben zerstören kann.
Ich möchte Liam Neeson nicht verteidigen. Glaube aber keinesfalls das er ein Rassist ist.
Wir sollten nur, bevor wir wieder irgendeinen Skandal wittern, unsere Hände für einen kurzen Moment ruhig halten, nachdenken, reflektieren, beide Seiten anhören, Schlagzeilen immer im gesamten Kontext wahrnehmen, bevor wir auf Teilen oder Liken klicken, oder selbst einen Aufschrei anzetteln, deren Auswirkungen wir nicht kontrollieren können. Denn auch im „Netz“ geht es um Menschen.

Widmen wir uns also dem eigentlichen Problem zu; alltäglicher Rassismus, bestehend aus eindeutiger Wortwahl und Taten, die nicht im Internet enstehen, sondern vor unserer Haustür präsent sind. Jeden Tag. Das gilt es zu bekämpfen. Alles andere lenkt nur ab, von einem viel zu wichtigen Thema.