After Life: Lebe dein Leben

'After Life' (Netflix)

Eigentlich betreibe ich kein Binge Watching. Genau, eigentlich. Doch vor wenigen Tagen habe ich mir die Netflix-Serie ‚After Life‘ von und mit dem großartigen Ricky Gervais angesehen. Was soll ich sagen. In zwei Tagen hatte ich die sechs Episoden durch. Es passiert nicht oft, dass einem eine Serie gleichermaßen so begeistert und mitnimmt. Ich finde sie nicht nur wegen ihres schwarzen Humors toll und weil Gervais, wie er es sonst auch tut, ausspricht was er denkt. Mich hat die Serie vor allem auch tief berührt. Denn ‚After Life‘ ist so menschlich, dass es schon fast wehtut.

Die Serie handelt davon, dass Gervais‘ Frau kürzlich verstarb, verwitwet und zurückgeblieben mit Hund, muss „Tony“ irgendwie zurechtkommen. Tut er aber nicht. Er trägt Selbstmordgedanken mit sich, seine miese Laune überträgt er launisch auf seine Umwelt.
Jeder bekommt ehrlich und direkt die Meinung des Lokalreporters um die Ohren geschmissen, ob er will oder nicht. „Tony“ kann nur durch Beleidigungen kommunizieren. Das ist herrlich bissig und trocken. Und traurig.
In Melancholie versunken sieht sich „Tony“ jeden Tag die Videobotschaften seiner verstorbenen Frau an.

Diese Serie des britischen Comedian macht, obwohl sie vollgepackt ist mit tiefer Trauer, vor allem Mut. Denn letztlich geht es darum das Leben zu feiern. So setzt die letzte Folge eine Botschaft in die Welt, die sich jeder Mensch da draußen ansehen sollte!

Die Geschichte und Rolle des „Tony“ mit seinem Hund hat mich erschreckend an mein eigenes Leben erinnert. Deshalb hat mich die Serie auch so mitgenommen. Mitgefühl, Melancholie, Traurigkeit, Heiterkeit, Freude, Hoffnung – das alles habe ich beim Anschauen gefühlt.
Es hat mich zum Nachdenken gebracht. Und bewogen diese Zeilen zu schreiben, die schon immer in meinen Kopf waren, aber jetzt, an richtiger Stelle raus dürfen.

Ich kann mich an kaum eine Serie erinnern, die so ehrlich, aufrichtig und menschlich ist. Auch trotz aller „dramaturgischer“ Sentimentalität.
Und wenn einem im Leben selbst das passiert ist was Ricky Gervais als „Tony“ durchlebt, dann ist das zum einen ein schmerzliches Déjà-vu, aber auch ein merkwürdiges Wohlbefinden, das kaum zu beschreiben ist. Was letztlich darin liegt, dass ‚After Life‘ auch einfach Spaß macht.

Die Serie hat bei mir alte Erinnerungen wieder hervorgeholt. Schmerzliche. Schöne. Als würde man ein altes Fotoalbum ausgraben und in längst vergangenen Zeiten schwelgen. Eine Zeit, die für immer verloren ist. Denn alles geschieht nur einmal.

Jeden Augenblick erleben wir nur einmal. Dieses eine Leben was wir haben ist so verdammt kostbar. Mit jedem Atemzug verabschieden wir uns von einem kleinen Stück Lebenszeit. Und atmen gleichzeitig neues Leben ein. Jeden Moment kann alles vorbei sein. Jeder Atemzug kann der letzte sein. Das mag deprimierend klingen. Es ist schlichtweg die Wahrheit.
Daran sollten wir uns erinnern, jedes Mal wenn wir einatmen. Ohne dabei die Lebensfreude zu verlieren, versteht sich.
Denn wie schnell verrinnt doch die Zeit. Wie schnell sind die schönsten Momente im Leben vorbei. Alles ist vergänglich, am meisten das Leben selbst.

Warum genießen wir es dann nicht mehr? Tun das was wir wirklich wollen – was uns gut tut. Gehen freundlicher miteinander um. Sagen einmal mehr „Danke“. Schätzen was wir haben. Kämpfen um die Menschen die wir mögen und lieben. Und lassen es zu, dass andere uns mögen – und lieben. Gerade heute, in einer Zeit zunehmender Verschlossenheit, Anonymität und Abgrenzung.

Bestimmung

Für viele spielen Glück und Zufall eine große Rolle im Leben. Für jeden haben sie aber eine andere Bedeutung. Für die einen existieren beide Dinge schlichtweg nicht. Andere glauben fest daran. Oder an Bestimmung.
Ist alles vorbestimmt was uns passiert? Das denke ich nicht. Aus Erfahrung glaube ich zum Beispiel nicht an zufällige Begegnungen. Denn oft sind diese Menschen, diese scheinbar zufälligen Begegnungen, die nachhaltigsten, die bedeutsamsten. Manchmal weiß man es in diesen Momenten noch nicht. Manchmal aber auch sofort. Ja, das kann man Bestimmung nennen. Aber das ist ein großes Wort. Und genau das ist der Punkt. Es sind Wörter, jeder kann hineininterpretieren was er will. Wir Menschen brauchen das einfach. Weil wir nicht alles erklären können was passiert. Dann hat derjenige eben Glück, der im Lotto gewinnt. In Wahrheit hat man aber einfach nur die verdammt richtigen Zahlen getippt. Ist es Zufall, wenn ich einen alten Bekannten nach vielen Jahren im Supermarkt an der Gemüsetheke wiedertreffe? Oder wollte es „irgendjemand“ das wir uns genau jetzt, an diesem Ort begegnen? Ist mir am Ende egal. Denn ich bin froh diese Person getroffen zu haben. Oder eine andere, die ich bisher nicht kannte. Aber dank – Glück? – kennenlernen durfte.

Lebe

Wir wir anderen Menschen begegnen sagt viel über uns selbst aus. „Behandle jeden so, wie du selbst behandelt werden möchtest“ – den Spruch kennt man. Aber es ist mehr als ein Spruch – würde jeder zweite Mensch danach handeln, wir wären dem Weltfrieden sehr nahe.
Das Leben besteht aus Verlust. Den Schmerz eines solchen Umstandes bewältigt man nur indem man sich dem Leben wieder öffnet. Und – Spoiler – dies gelingt Ricky Gervais‘ Figur in ‚After Life‘. Er vermittelt die richtige Botschaft: Das Leben gewinnt. Und es geht weiter.

Die Frage ist also, hat man sein Leben verschwendet. Hat man das getan, was man wirklich von Herzen tun wollte. Wie man sein will. Wie man gegenüber anderen Menschen auftritt. Ist man ehrlich zu sich selbst und zu anderen. Es ist nie zu spät das Richtige zu tun. Dazu muss sich niemand komplett verändern. Es genügt oft, mehr auf sein inneres zu hören.

Ich habe aus so manchen Lebensereignissen für mich einiges an Konsequenz mitgenommen, was mein Leben und den Umgang mit anderen nachhaltig verändert hat. Eine Art Besinnung. Bedeutet für mich ein mehr an Direktheit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit, Sensibilität, Freude, Liebe, Genuss… und so vieles mehr.
Mag abgedroschen klingen. Und manchmal wissen andere Menschen gar nicht wie sie damit umgehen sollen. Mit Freundlichkeit oder Ehrlichkeit etwa. Nicht dass ich jedem sofort alles über mich erzähle. Mitnichten. Ich halte es nur mit der Prämisse „meine auch was du sagst“.
Schließlich haben wir nur das eine Leben. Eine begrenzte Zeit. Wozu diese also mit Nichtigkeiten, Geschwätz und leeren Worten verschwenden?

Wir Menschen neigen gerne dazu alles zu verkomplizieren. Vor allem in Bezug auf das Miteinander. Wir vergeuden Lebenszeit, weil wir nicht den Mut aufbringen Ehrlich zu sein. Die Wahrheit zu sagen, die uns so erleichtern würde. Wir reden uns Dinge schön und zurecht. Und drumherum sowieso.
Ignoriere Arschlöcher, halte dich an Menschen dir gut tun, schätze jeden guten Moment, erfreue dich an den kleinen Dingen des Lebens und vor allem; sei du selbst und… Lebe!

Manchmal passieren Dinge im Leben, die einen dazu bewegen sich auf das zu besinnen was wirklich zählt.
Vor wenigen Jahren stand ich an einer Kreuzung. Zwei Straßen führten in unterschiedliche Richtungen. Die eine in die vermeintliche finanzielle Absicherung, die Karriere.
Die andere Straße führte ins Ungewisse. Keine Absicherung. Nur ich und mein Weg.
Ich wählte die zweite, die unsichere Variante. Mehr Risiko. Aber, und das war der Punkt, ich wählte diesen Weg weil ich das tun konnte was ich wirklich wollte. Von Herzen. Leidenschaft leben. Und ich bin glücklich diese Entscheidung getroffen zu haben. Ich weiß zu schätzen was ich tue und habe – jeden Tag.
Das wird mir besonders in den Augenblicken bewusst, wenn ich mit meinem Hund raus gehe, in die Natur. Wenn ich durchatme, mein vierbeiniges Girl beobachte, mir ein Lächeln übers Gesicht fährt und denke; Hier sind wir. Im Hier und Jetzt.
Das Leben ist schön.


„Das Leben ist wertvoll, weil man es nur einmal ansehen kann. Irgendwann erkennt man, dass man nicht für immer hier sein wird, das macht das Leben so magisch. Eines Tages isst du dein letztes Essen, riechst die letzte Blume, umarmst einen Freund zum allerletzten Mal. Und du weißt nie, wann es so weit ist. Darum sollte jeder das was er liebt, mit Leidenschaft tun. Und die wenigen Jahre schätzen, die man hat, weil das nun mal alles ist.“

– Tony –